Eine Wanderung entlang des Kamms der Nagelfluhkette im Allgäu fühlt sich an wie ein Spaziergang durch ein botanisches Freilichtmuseum. Das berühmte Konglomeratgestein unter den Wanderschuhen, oft Herrgottsbeton genannt, schafft einen einzigartigen, mineralstoffreichen Boden, auf dem wilde Pflanzen prächtig gedeihen.
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Wer vom Hochgrat hinüber zum Grat wandert, richtet den Blick leicht auf die fernen Gipfel der Schweizer Alpen oder auf die steilen Grashänge zu beiden Seiten. Doch wirft man einen Blick auf die Wegränder, entdeckt man Dutzende unscheinbarer grüner Blätter und winziger Blüten. Wanderer gehen jeden Tag achtlos an diesen duftenden Alpenpflanzen vorbei, ohne zu ahnen, worauf sie gerade treten.
Zu wissen, was unter den Füßen wächst, verändert das Erlebnis auf dem Weg. Hier ist ein Leitfaden zu den alpinen Kräutern, die entlang der Nagelfluhkette offen sichtbar wachsen, dazu, wie man sie sicher erkennt und was man zu Hause mit ihnen anfangen kann.
Beim Gehen über die sonnigen, felsigen Grate überrascht einen vielleicht ein warmer Duft, der scheinbar aus dem Nichts kommt. Wer genau hinsieht, entdeckt niedrig wachsende Polster von wildem Thymian mit kleinen runden Blättern und hellrosa-violetten Blüten.
Der Frauenmantel wächst häufig in feuchten, grasigen Mulden in höheren Lagen entlang der Wege. Während der gewöhnliche Frauenmantel große, fächerförmige Blätter hat, erkennt man den Alpen-Frauenmantel (Alchemilla alpina) sofort an den schönen silbernen Härchen auf der Unterseite seiner gelappten Blätter. Wanderer, die in der Morgendämmerung unterwegs sind, können beobachten, wie reine, funkelnde Wassertropfen in der Mitte der trichterförmigen Blätter ruhen.
Die Wilde Schafgarbe wächst auf sonnigen Almweiden und an Wegen und besitzt gefiederte, farnähnliche Blätter sowie Doldenköpfe aus kleinen weißen oder zartrosa Blüten. Die Schafgarbe ist äußerst widerstandsfähig und treibt oft sofort wieder aus, nachdem Vieh oder Menschen darübergelaufen sind.
Den Schutzstatus kennen
Die Nagelfluhkette ist ein Naturpark, der sich über die Grenze zwischen Bayern und Vorarlberg erstreckt. Bekannte alpine Heilpflanzen wie die Arnika (Arnica montana) und der Gelbe Enzian (Gentiana lutea) sind gesetzlich streng geschützt und dürfen unter keinen Umständen gepflückt oder ausgegraben werden. Man sollte sich ausschließlich an häufige, nicht geschützte Kräuter wie wilden Thymian oder Schafgarbe halten.
Die Handstraußregel beachten
An Orten ohne Beschränkungen ist es in Ordnung, kleine Mengen Pflanzenmaterial zu sammeln, die locker zwischen Daumen und Zeigefinger passen. Man sollte niemals das gesamte Pflanzenmaterial entnehmen; mindestens 80 % sollten zurückbleiben, da dies hilft, das Ökosystem zu erhalten und Bestäuber zu unterstützen.
Erst bestimmen, dann anfassen
Eine Pflanze sollte nur geerntet werden, wenn man sich zu 100 % über ihre Identität sicher ist. Viele harmlose Kräuter haben gefährliche Doppelgänger. Bei Unsicherheit macht man besser ein deutliches Foto zur späteren Bestimmung und lässt die Pflanze in Ruhe dort wachsen, wo sie steht.
Sich auf die Landschaft einzulassen bedeutet nicht unbedingt, den höchsten Berg so schnell wie möglich zu erklimmen. Wenn sich das nächste Mal die Gelegenheit ergibt, eine Wanderpause einzulegen und sich auf eine der Bänke entlang der Nagelfluhkette zu setzen, lohnt es sich, die dort wachsenden Pflanzen bewusst wahrzunehmen und ein paar davon mit nach Hause zu nehmen.
Autor: Redaktion