Alpinmagazin

Trekkingtour durch Ostgrönland - am Rande des ewigen Eises

Sibylle Stöhr ist mit Leib und Seele Reiseleiterin. Sie führt weltweit Trekkingtouren von leicht bis schwer. Auf tourentipp.com berichtet sie von Ihrer spannenden Trekkeing-Reise nach Grönland.

Mai 2011 – Kurzurlaub in den Dolomiten. Eine an sich leichte Klettersteigtour, aber wie es der Herrgott so will, rutsche ich beim Abstieg vom Sass Rigais aus, purzle den Abhang hinunter und breche mir beim Bremsen den linken äußeren Mittelhandknochen. Sechs Wochen Gips sind angesagt, ich bin "stillgelegt", kann mir nicht einmal selber die Schuhe zubinden. An anspruchsvolle alpine Aktivitäten ist nicht zu denken. Zudem muss ich meine Aufträge als Tourguide für den Juni absagen; diesen Monat hätte ich in meiner zweiten Heimat, Korsika, verbracht. Aber, wie heißt es so schön, das Leben ist kein Wunschkonzert.

Juni 2011 – Mich erreicht ein Anruf aus dem Referat eine Reiseveranstalters. Ob ich mir vorstellen könnte, im August eine zweiwöchige Trekking-Tour auf Grönland zu leiten – Grönland, das Land des ewigen Eises, ein langer Traum von mir. Ein Angebot, das ich nicht abschlagen kann! Ich mache mich, wenn auch einarmig, an die Vorbereitung meiner kleinen Expedition. Mental und kulinarisch unterstützt werde ich dabei von meiner WG und zahlreichen (Berg-) Freundinnen und -Spezln.

Grönland

August 2011 – endlich geht es los! Am 5. August 2011 steige ich in den Flieger von Icelandair und mache mich auf die Reise – zwei Tage bin ich unterwegs, auch der Weg ist das Ziel. Von Frankfurt aus geht es zunächst nach Island. Ich nächtige am Campingplatz der Hauptstadt Reykjavik und genieße den ersten Abend im hohen Norden. Tags darauf bringt mich eine Fokker 50 in zwei Stunden auf die Insel Kulusuk in Ostgrönland, von dort aus fliege ich in 10 Minuten mit dem Hubschrauber auf die dem grönländischen "Festland" vorgelagerte Insel Ammassalik. Alleine die Anreise ist ein Erlebnis, wenn man vom Flieger aus die ersten Eisberge und das Treibeis im Meer schwimmen sieht! 85 Prozent der Fläche Grönlands sind vom Ewigen Eis bedeckt. Nur ein schmaler Küstenstreifen ist im Sommer eisfrei und besiedelt.

Warum Ostgrönland? Der Osten Grönlands ist geprägt von einer kalten Meeresströmung, die von Norden nach Süden verläuft und die enorme Mengen Packeis mit sich führt. Es gibt hier die schönsten Formationen dieser "Kathedralen" aus Eis. Der Osten ist gebirgiger, insgesamt wilder und ursprünglicher. Von den 56 000 Grönländern leben nur 3.000 Menschen hier, aufgeteilt auf zwei Ortschaften. Während an der Westküste bereits im Laufe des 18. Jahrhunderts dänische Handelsplätze angelegt wurden, wurde der Osten erst 1894 kolonisiert.

Grönland

Die Einheimischen, die Inuit (oder Ivi, wie sich die ostgrönländischen Polarmongolen selbst nennen) lebten noch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs nach ihrer traditionellen Kultur. In Tasiilaq, dem größten Ort Ostgrönlands mit 1500 Einwohnern, nimmt mich der aus Bozen stammende Robert Peroni in Empfang. Robert war der erste, dem es 1983 zusammen mit zwei weiteren Südtirolern gelungen ist, das Grönländische Inlandeis an seiner breitesten Stelle (1300 km) zu durchqueren. Robert hat sich vor 25 Jahren entschlossen, auch etwas für die einheimische Bevölkerung zu tun und lebt seit einigen Jahren ganzjährig auf Grönland. Er hat die Reiseagentur Tuning aufgebaut. Zugleich betreibt er ein Gästehaus und sein "No Limits"-Center - sein Haus ist einerseits Treffpunkt und Informationszentrale für Besucher, andererseits ist er der wichtigste Arbeitgeber vor Ort sowie Sozialstation für Einheimische. Drei Tage habe ich nun alleine vor mir, um mich vor Ort auf meine Trekkingtour vorzubereiten. Mein Zelt schlage ich direkt am King Oscar Fjord auf, mit Blicke auf kleine Eisberge. Die Ausrüstung – Zelte, Kocher, Töpfe, Kaffeekanne etc. - muss zusammengestellt und gecheckt werden. Die Verpflegung – hauptsächlich in Pulverform – wird wasserdicht verpackt und mit Roberts Hilfe lege ich die endgültige Route genau fest. Trotzdem finde und nehme ich mir die Zeit, die Umgebung Tasiilaqs zu erkunden – besteige den weglosen Hausberg und schaue aufs Polarmeer, leihe mir ein Kajak aus um ans andere Ufer des Fjordes zwischen Eisschollen hindurch zu paddeln – statt Bike and Hike macht man hier eben Boat and Hike.

Grönland Packeis

Dann endlich kommt meine Gruppe an – acht sehr nette Menschen, die die Einsamkeit Grönlands suchen. Nach einer ersten Nacht in Tasiilaq geht es mit unserem Wildnistrekking los: Mit dem Motorboot zur 150-Seelen-Ortschaft Tinit, am Semilik-Fjord gelegen, bekannt durch seine Eisberge. Von dort aus sind wir nun zu Fuß unterwegs, weiter in Richtung Norden, über Berge, Täler und entlang diverser Fjorde. Querfeldein suche und finde ich die Ideallinie im weglosen Gelände. Mal geht es über feste Granitplatten, mal über butterweiche Moosteppiche, ein stetiges Auf und Ab. Sieben bis acht Stunden sind wir am Tag unterwegs. Fast täglich muss ein Fluss oder ein Flussdelta mindestens knietief durchfurtet werden, die tägliche Fußwaschung ist obligatorisch. An den Fjord-Enden machen wir sogar barfuss Wattwanderungen. Ansonsten ist Waschen und Baden in Bächen oder Seen angesagt. Schnell stellt sich ein Wildnis-Rhythmus ein, das Leben dreht sich nur um das Notwendigste: Losgehen und Ankommen, Essen, Trinken, Schlafen.

Kein Handy, was allen sehr gut tut. Einzige Verbindung zur Außenwelt ist im Notfall ein Satellitentelefon. Und falls ein Eisbär auftauchen würde, habe ich ein Gewehr dabei – zum Glück habe ich es nicht gebraucht. Wir wachsen als Gruppe schnell zusammen, alleine schon deshalb, weil jeder seine Aufgaben hat – gemeinsam das Küchenzelt aufbauen, Wasser aus dem nächstgelegenen Bach holen, Kochen und für heißes Wasser sorgen (mein Job), Abwaschen, etc. Zwar höre ich vereinzelt Stimmen "Das ist ja wie in einem Manager-Seminar" - dass jeder mit Anpacken muss, war aber allen schon vorher klar. Begleitet werden wir von einem einheimischen Jäger mit seinem Fischerboot, das unsere Ausrüstung und Verpflegung transportiert. Praktisch, weil wir somit unsere Ausrüstung und Verpflegung nicht komplett selber tragen müssen. Wir nächtigen immer an einem Fjord, den wir zu Fuß, und er mit seinem Boot erreichen kann. Viel zu schnell vergeht die Zeit. Wir haben irrsinniges Glück mit dem Wetter. Täglich strahlender Sonnenschein, tagsüber bis 20 Grad, nachts um den Gefrierpunkt. Immer wieder traumhafte Blicke auf die Eisberge des Semilik-Fjordes, auf das Inlandeis, auf Berge, Seen und Gletscher.

Das Besondere an einer Tour dieser Art ist nicht nur die Einsamkeit, auch das arktische Licht, die klare Luft, die hellen Nächte - was eine unbeschreibliche Stimmungen erzeugt, die kein Foto wiedergeben kann. Oder das Fischen und Schmelzen von Eisbergen aus dem salzigen Meerwasser, um Süßwasser zu gewinnen. Man gewinnt Abstand zu vielen Dingen daheim. Der eine oder die andere hat vielleicht auch (wieder) zu sich selbst gefunden.

Autorin Sibylle Stöhr mit Robert Peroni

Wehmut kommt auf am letzten Tag unserer Trekkingtour- wir müssen wieder mit dem Boot eine Stunde zurück nach Tasiilaq fahren. Wir lehnen uns zurück, genießen trotz beißender Kälte die Motorboot-Fahrt durch den Quinngertivaq-Fjord. Uns bleiben noch zwei Tage, um uns an die Zivilisation zu gewöhnen. Wir gehen zum Duschen in das öffentliche Waschhaus, besuchen das kleine Museum, gehen am Abend in die Einheimischen-Bar. Zum Abschiedsessen probieren wir bei Robert Peroni Robbenfleisch und Wal à la Stroganoff. Robert erzählt viel über sein Leben und das der Ivi. Der großartigen Natur stehen krasse soziale Probleme gegenüber. Von der Robbenjagd und vom Walfang, jahrhundertelang Lebensgrundlage, kann niemand mehr Leben. Die Arbeitsmöglichkeiten vor Ort sind beschränkt. Viele gehen an die Westküste oder nach Dänemark. Auch Alkohol ist ein großes Problem. Uns wird klar: Diese unglaublich schöne Natur zwei Wochen lang zu erleben, ist die eine Sache. In diesen extremen Verhältnissen zu leben jedoch etwas ganz anderes. Alles, vom Apfel bis zur Druckerpatrone, muss herangeschafft werden, per Schiff oder Hubschrauber. Wir haben große Bewunderung für die Ivi, die sich optimal an diese sehr unwirtlichen Lebensbedingungen angepasst haben.

Mein Dank gilt besonders dem Robert für seine Unterstützung vor Ort. Für mich war es großartig, ihn persönlich kennen zu lernen. Ein feiner Mensch, der Übermenschliches geleistet hat, aber am Boden geblieben ist. Er sieht das Ewige Eis nicht nur als Spielwiese sieht, sondern engagiert sich in ganz besonderem Maße für die Menschen vor Ort. Mit Robert Peroni – Bergsteiger, Abenteurer und Chef des "Roten Hauses" Grönland und seine Bewohner haben bei uns allen tiefe Eindrücke hinterlassen. Wer einmal dort war, den packt das Polarfieber.

Autorin: Sibylle Stöhr

Steckbrief Grönland: Die größte Insel der Welt!

  • Fläche: 2,1 Mio km²    
  • Nord-Süd-Ausdehnung: 2.670 km²    
  • Ost-West-Ausdehnung: 1.300 km²    
  • Höchster Berg: Gunnbjorn Fjeld 3.710 m    
  • Einwohner: 56.000 – davon nur 3.000 an der Ostküste    
  • Der Westen ist vom Golfstrom beeinflusst, der Osten vom Polarstrom – daher ungünstigere Siedlungsverhältnisse, dafür umso unberührter die Natur und es gibt die schönsten Eisberge.
  • Besucher/Touristen: 60.000 / Jahr
  • Geologisch gehört Grönland zu Amerika, politisch zu Europa (Dänemark), ist aber selbstverwaltet – nicht mehr Mitglied der EU!

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